Der Wochenmarkt an der Ludwigskirche

Donnerstag, 22. April 1965: Der Wochenmarkt von Alt-Saarbrücken feiert Premiere auf dem Platz vor der barocken Ludwigskirche

In Vietnam tobt der Krieg. Staatspräsident Charles de Gaulle wird in Bonn erwartet. Bundespräsident Eugen Gerstenmaier besucht den marokkanischen König Hussein II in Rabat. Wilhelmine Lübke  ruft Frauen mit einer Unterschriftenaktion gegen sittlich zersetzende Filme zum Kampf gegen Schmutz und Schund auf.

Borussia Neunkirchen mäht  im Innsbrucker Tivoli-Stadion die Tiroler Landesauswahl mit einem gloriosen 4:0 nieder. Bei 30 Zentimeter Neuschnee! Auf der Zugspitze ist das Thermometer auf minus 13 Grad gesunken. Auch im Saarland ist die Wetterlage an diesem 22. April 1965  bei  Durchschnittstemperaturen von acht bis elf Grad eher kühl.

 

 

Doch das tut der Hochstimmung, die auf dem Saarbrücker Ludwigsplatz herrscht, keinen Abbruch. Hier,  vor dem Haupteingang zur barocken Ludwigskirche, feiern die Marktleute von Alt-Saarbrücken eine Premiere. Zum ersten Mal bieten sie an diesem wunderschönen Standort ihre regionalen Produkte an. Und werden es künftig jede Woche tun. „Endlich ist es soweit“, freuen sie sich, dass sie nun wieder eine feste Bleibe haben, und dass die lange Zeit der Auslagerung an einem ebenso unattraktiven wie problematischen Ort zu Ende ist.

Abschied vom Neumarkt

Jetzt trauern sie nicht mehr ihrem ursprünglichen Standort nach. Dem Neumarkt, am Fuße des Saarbrücker Schlosses, nahe dem Saar-Ufer gelegen. Tief in die vorhandene Struktur eingreifende Umbaumaßnahmen wegen der innovativen Stadtautobahn machten ihnen dort schon vor Jahren einen Strich durch ihre Markt-Rechnung.

 

 

Ein unattraktives Ausweich-Quartier

Als vorübergehendes Ausweichquartier wird den Marktleuten das brach liegende Hoch-Plateau in der Vorstadtstraße angeboten.  Dort, wo sich heute das Gebäude der ehemaligen Post  und deren aktuelle Abhol-Station befinden. Man planiert die Schutthügel, auf denen Löwenzahn und Huflattich (für Alt-Saarbrücker: Hasenblumen) wachsen. Und asphaltiert das Gelände. Ebenso die steile Zufahrt für die Marktleute von der Keplerstraße, kurz hinter der „Kunstschule“, bis hoch zur Markt-Ebene.

Doch so richtig angenommen wird dieses Markt-Provisorium nicht. Auf der relativ kleinen Fläche finden sich meist nur noch die Hardliner unter den Marktiers zusammen. Auch die Kunden bleiben mehr und mehr weg. Schuld daran ist nicht nur der unattraktive Ort, sondern oft auch das Wetter. Besonders im Herbst und im Winter. Denn damals gibt es noch oft Schnee und Eisesglätte im Herzen von Saarbrücken.

Die problematische Steilkurve

Der Zufahrtsweg für die Marktleute unmittelbar  von der oberen Ecke der Schule für Kunst und Handwerk bis zum Plateau auf dem Niveau der Vorstadtstraße steigt zwar in sanfter Kurve, jedoch sehr steil an. Für die Anlieger-Kinder ist diese Kurzstrecke eine beliebte „Schlimmer“- und  Schlittenstrecke. Doch die Marktleute haben mit ihr ihre Transport-Probleme.  

Ein Fall ist bekannt. Ein Marktmann will frühmorgens mit seinem Traktor samt mit Ware beladenem Anhänger den steilen Kurzweg hoch zu seinem Standort fahren. Es ist glatt. Die Räder greifen nicht. Der Traktor rutscht. Der Anhänger wird demoliert. Die Zufahrt ist für alle nachkommenden Marktleute blockiert. Der Markt-Tag fällt aus. Die Kunden bleiben danach immer öfter weg.

Markt-Motivation am neuen Standort

Doch am 22 . April 1965 kommen alle mit großer Motivation auf den neuen Marktplatz vor der Ludwigskirche. Die Marktleute ebenso wie ihre Kunden.

Ja, nun endlich ist es so weit. Die Marktleute können ihre Stände auf dem Kopfsteinpflaster mit Diagonal-Muster zwischen Deutschlands stilreinster und schönster evangelischer Barockkirche und der roten Sandstein-Freitreppe mit Blick auf die Friedenskirche aufbauen. Das in der Bombennacht vom 5. auf den 6. Oktober 1944 fast völlig zerstörte Barock-Ensemble ist inzwischen originalgetreu wieder aufgebaut.

 Ein wunderschöner Platz für einen Neuanfang. Und bei Marktschluss an diesem ersten Tag stellen die Marktleute bereits fest: Die ersten abtrünnig gewordenen Markt-Besucher haben sich an diesem attraktiven Ort schon wieder eingefunden. Und sie werden wiederkommen.